Sicherheit und Wechselwirkungen
Phytotherapie hat Grenzen
Bei schweren, anhaltenden oder unklaren Erkrankungen ist immer ärztlicher Rat einzuholen. Pflanzliche Mittel ersetzen keine medizinische Diagnostik und Behandlung. Im Notfall zögern Sie nicht, den ärztlichen Notdienst (116 117) oder den Notruf (112) zu kontaktieren.
Häufige Wechselwirkungen
Einige Heilpflanzen weisen klinisch relevante Wechselwirkungen mit Arzneimitteln auf. Die folgende Liste umfasst die wichtigsten Beispiele – sie ist nicht vollständig. Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten immer Rücksprache mit Arzt oder Apotheker halten.
Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Johanniskraut induziert das Cytochrom-P450-Enzym CYP3A4 sowie das P-Glykoprotein und beschleunigt damit den Abbau zahlreicher Arzneimittel. Betroffene Substanzen umfassen:
- Antikoagulanzien (Warfarin, Phenprocoumon): verminderte Gerinnungshemmung
- Antiretrovirale Mittel (HIV-Therapie): Wirkungsverlust
- Immunsuppressiva (Ciclosporin): Abstoßungsrisiko bei Transplantationen
- Kontrazeptiva (Pille): erhöhtes Versagerrisiko
- Antidepressiva (SSRI): Risiko eines Serotonin-Syndroms
- Digoxin, Theophyllin, diverse Chemotherapeutika
Ginkgo (Ginkgo biloba)
Ginkgo-Extrakt hemmt den Plättchen-aktivierenden Faktor (PAF) und hat antikoagulatorische Eigenschaften. In Kombination mit Blutverdünnern (Phenprocoumon, ASS, Clopidogrel, NSAR) besteht ein erhöhtes Blutungsrisiko. Vor operativen Eingriffen ist die Einnahme mindestens zwei Wochen vorher abzusetzen.
Susskholz / Lakritz (Glycyrrhiza glabra)
Glycyrrhizin hemmt das Enzym 11beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase und führt bei höherer Dosierung zu Pseudohyperaldosteronismus: Natriumretention, Kaliumverlust, Blutdruckanstieg. Bei bestehender Hypertonie, Hypokaliämie, Herzinsuffizienz oder Nierenfunktionsstörungen ist die Anwendung kontraindiziert. Wechselwirkungen mit Antihypertensiva und Diuretika sind dokumentiert.
Schwangerschaft und Stillzeit
Für die meisten pflanzlichen Arzneimittel fehlen ausreichende Sicherheitsdaten zu Schwangerschaft und Stillzeit. Der Grundsatz lautet: Im Zweifelsfall verzichten.
Als kontraindiziert in der Schwangerschaft gelten unter anderem: Beifuß, Tanacetum (Mutterkraut), Aloe vera (innerlich), Senna (Schwangerschaft und Stillzeit), Schöllkraut, Nachtkerzenöl in hohen Dosen sowie ätherische Öle in medizinischer Dosierung.
Auch als vergleichsweise sicher geltende Kräuter wie Ingwer (ab dem ersten Trimester nur in kleinen Mengen) und Kamille (nur als verdünnter Aufguss) sollten nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der Hebamme angewendet werden.
Kinder
Bei Kindern gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Dosierungen für Erwachsene sind nicht einfach auf Kinder zu übertragen. Als Faustregel gilt die Clark-Formel (Körpergewicht in kg / 70 x Erwachsenendosis), wobei dieser Wert nur als grobe Orientierung dient.
- Alkohol-Tinkturen: Nicht für Kinder unter 12 Jahren geeignet. Wässrige Zubereitungen (Tees, Teekompresse) bevorzugen.
- Menthol / Kampfer: Pfefferminz- und Kampfer-haltige Präparate sind für Kinder unter 2 Jahren kontraindiziert (Atemdepression). Pfefferminzöl nicht im Gesichtsbereich anwenden.
- Tees für Säuglinge: Fencheltee (max. 1–2 Tassen pro Tag) ist bei Säuglingen die einzige akzeptierte pflanzliche Zubereitung. Keine gesüßten Kräutertees.
- Echinacea: Nicht für Kinder unter 12 Jahren ohne ärztliche Empfehlung bei bestehenden Immunerkrankungen oder immunsuppressiver Therapie.
Grenzen der Selbstbehandlung
Phytotherapeutische Selbstmedikation ist geeignet für leichte, akute Beschwerden mit bekannter Ursache. Bei folgenden Warnsignalen ist ärztliche Abklärung zwingend erforderlich:
- -- Beschwerden, die nach 5–7 Tagen nicht abklingen oder sich verschlechtern
- -- Hohes Fieber (über 39 °C) oder Fieber bei Kindern unter 3 Monaten
- -- Starke, unklare Schmerzen im Brust- oder Bauchbereich
- -- Blut im Stuhl, Urin oder Auswurf
- -- Kurzatmigkeit, Herzrasen oder Brustenge
- -- Plötzliche Sehstörungen, Lähmungen oder Sprachstörungen
- -- Ungewollter Gewichtsverlust oder anhaltende Erschöpfung ohne erkennbare Ursache
- -- Chronische Grunderkrankungen, bei denen die Erkrankung sich verändert
Qualität pflanzlicher Arzneimittel
Die Wirksamkeit eines pflanzlichen Mittels hängt entscheidend von seiner Qualität ab. Empfehlungen für den Einkauf:
- Apotheke bevorzugen: Arzneimittel-qualifizierte Heilpflanzenprodukte unterliegen behördlicher Kontrolle. Supermarkt-Kräutertees sind keine Arzneimittel und weisen oft geringere und schwankende Wirkstoffgehalte auf.
- Verfallsdatum beachten: Nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr verwenden. Ätherische Öle verflüchtigen sich, Wirkstoffe bauen ab.
- Zulassungsnummer prüfen: Phytopharmaka mit Zulassungsnummer (Zul.-Nr.) haben ein behördlich geprüftes Sicherheits- und Wirksamkeitsprofil. Traditionell registrierte Mittel tragen den Hinweis "Traditionell angewendet zur...".
- Standardisierung: Hochwertige Extrakte sind auf definierte Leitsubstanzen standardisiert (z. B. Baldrian: 0,3–0,8 % Valerensäuren; Johanniskraut: 0,3 % Hypericin). Dies gewährleistet gleichbleibende Wirkstoffmengen.